Neue Wege gehen

Die Heldinnenreise in den Wechseljahren – die Chance, ganz zu sich selbst zu finden – Teil 1

Kirsten Haenisch

Die Wechseljahre sind weder eine Krankheit, noch eine biologische Tragödie. Vielmehr wandeln wir Frauen in diesen Jahren noch einmal unser Wesen und holen uns im besten Fall die Anteile in uns zurück, die uns zur Ganzheit fehlen. Wenn wir diese Jahre begreifen als einzigartige Chance, Vergangenes in unserem Leben zu heilen und bereit sind, neue, andere Wege als bisher zu gehen, haben wir die Möglichkeit, in der Mitte unseres Lebens noch einmal ganz neu durchzustarten.

Neben all den körperlichen Veränderungen, die unsere Aufmerksamkeit einfordern, ist es, wie in jedem neuen Lebensabschnitt, die innerseelische Auseinandersetzung mit uns selbst, die den Weg bereitet für ein Wirken nach der fruchtbaren Zeit. Meine Erfahrung ist, dass noch viel zu wenige Frauen Kenntnis haben von der Bedeutung dieses Wandels, geschweige denn Vorbilder und eine Idee davon, wie dieser Weg aussieht. 

Der Begriff “Heldenreise” wurde von Joseph Campbell, dem großen Mythenforscher, geprägt. Ich habe mir erlaubt, ihn in die feminine Form zu verwandeln und auch die einzelnen Stationen so anzupassen, dass der Ablauf verständlich bleibt, ohne dabei den Kern zu verfälschen.

Im folgenden Artikel möchte ich dir die einzelnen Stationen der „Heldinnenreise“ am Beispiel von Marianne, der Protagonistin des Romans „Die Mondspielerin“ von Nina George erschienen im Knaur Verlag, schildern. Es ist mir wichtig, dich auf allen Ebenen zu berühren, d.h. ich werde zum einen Schritt für Schritt schildern, wie sich der Weg entfaltet, gleichzeitig möchte ich deine Seele mit auf diese Reise nehmen: Wenn wir uns auf emotionaler Ebene mit einer Figur oder einer realen Person verbinden können, gelingt es leichter, die Essenz, das, um was es im Kern hier geht, zu erfassen. 

Und noch ein weiteres Wort vorab: Zwar beschreibe ich den Weg und seine einzelnen Stationen in chronologischer Reihenfolge, doch will ich anmerken, dass jede Frau ein für sich einzigartiges Leben lebt und daher auch ihr Weg individuell sein wird. Zeitraum, Ablauf und Themen der Heldinnenreise in den Wechseljahren variieren von Frau zu Frau. Mir geht es vor allem darum, dir ein Gefühl für diesen Prozess der Wandlung zu geben und dich vorzubereiten oder dir dadurch zu helfen, das, was mit dir geschieht, einordnen zu können.

„Die Mondspielerin“ von Nina George

Mir hilft in Zeiten meiner Wandlungen, dass Frauen vor mir diesen Weg gegangen sind. Sie dienen mir als Vorbild, als Inspiration und als Mutmacherinnen, wenn ich selbst zögere, den nächsten anstehenden Schritt zu tun oder Zweifel bekomme angesichts des Nicht-Wissens um das Ziel, den Ausgang der Reise. Manchmal sind es Frauen, die real leben, sehr häufig werde ich inspiriert durch Frauen in Büchern und Filmen. 

In dem Buch „Die Mondspielerin“ von Nina George begegnen wir der 60-jährigen Marianne, die ihrem Hausfrauen-Dasein mit einem Sprung in die Seine ein Ende setzen will, weil sie das Leben, das sie bis jetzt geführt hat, nicht mehr länger erträgt. Noch erscheint ihr der selbst gewählte Tod als einziger Ausweg, doch schon auf den ersten Seiten des Romans erleben wir ihren Aufbruch. Wir werden zu Zeuginnen ihrer Heldinnenreise.

Marianne kann ein Vorbild für dich sein, auch wenn sie „nur“ eine Romanfigur ist. Sie kann ein Feuer in dir entfachen, eine Sehnsucht nähren und nicht zuletzt deinen Glauben daran bestärken, dass Wandel möglich ist!

Stationen der Heldinnenreise

1. Der Ruf

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Ruf an dich herangetragen wird: entweder kommt er von außen, indem ein Ereignis eintritt (z.B. ein Anruf, ein Besuch), von dem du spürst, dass es auf einer tieferen Ebene eine Bedeutung hat, oder in dir lässt dich eine Unruhe, eine Unzufriedenheit nicht mehr los und rüttelt an Gewohntem. Bei Marianne ist es der Augenblick, als sie ein weiteres Mal in ihrem Leben von ihrem Mann daran gehindert wird, ihrem inneren Impuls zu folgen (in dem Fall zu einer Bettlerin am Straßenrand in Paris zu gehen) und sie, ebenso wie immer, sich nicht dagegen auflehnt. Im Lokal wird der Druck, den der innere Ruf bewirkt, so groß, dass sie aufsteht:

„Sie war noch vor der Vorspeise gegangen, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, zu sitzen und zu schweigen.“

2. Die Weigerung

Vielleicht erinnerst du dich an Momente in deinem bisherigen Leben, die sich anfühlen, als wären sie ein Ruf gewesen. Doch wenn du zurückdenkst, wirst du auch feststellen, dass die Stimme in dir sehr leise war. Ein sehr viel lauterer Anteil behinderte die innere Aufforderung aufzustehen, „Nein“ zu sagen oder etwas zu ändern im Vergleich zu deinem bisherigen Verhalten und du hast den Impuls unterdrückt. Diese innere Weigerung, das gewohnte Terrain zu verlassen, ist ein weiterer nennenswerter Teil der Heldinnenreise. 

Oft ist es reine Bequemlichkeit, die uns zurückhält. Manchmal aber steckt mehr dahinter. Dann lauert außerhalb des Gewohnten eine Gefahr. Nicht irgendeine Gefahr, sondern eine existentielle Bedrohung deines Seins. Häufig wirken hier auf unbewusster Ebene Erinnerungen aus deiner frühen Kindheit. Erfahrungen, die schmerzhaft waren und die vor allem die Verbundenheit mit den Menschen aufs Spiel gesetzt hätten, die damals für dein „Überleben“ verantwortlich waren, deine Eltern oder andere Personen. Verurteile dich nicht, wenn du den Ruf zur Veränderung schon lange spürst, jedoch bisher gezögert hast, ihm Folge zu leisten. 

Die Komfortzone ist ein Schutzraum, der eine berechtigte Funktion hat, allerdings eben auch ein Raum, der dich auf Dauer einengen wird, wenn du erwachsen bist, weil er gleichzeitig wichtige Teile deines Seins unterdrückt. 

Daneben trägst du als erwachsene Frau Verantwortung. Für dich selbst und vielleicht für andere. So wird es immer auch ein genaues Hinspüren erfordern, inwieweit der Ruf, den du wahrnimmst, tatsächlich aus der Tiefe deiner Seele kommt oder ob du vor einer Herausforderung flüchtest, der du dich zu stellen hättest.

Unsere Protagonistin Marianne hat 41 Jahre ihres Lebens in dieser Komfortzone verbracht und es gab immer wieder Momente, in denen der innere Ruf anklopfte und sie doch nichts änderte. Ihre Nachbarin Grete Köster sagte dazu:

„Wer leidet und nichts ändert, braucht es.“

3. Der Aufbruch

Erst wenn du dich auf den Weg machst, aufbrichst aus dem Alten, spricht man von einer Heldin. Marianne steht „tatsächlich“ auf. Sie verlässt das Lokal, weil sie es nicht mehr ertragen kann.

„Sie hatte gearbeitet,…, erst auf dem Hof ihrer Mutter im Wendland, dann als Hebamme zusammen mit ihrer Großmutter und schließlich als Hauswirtschafterin, bis Lothar sie heiratete und er es sich verbat, das sie Fremden den Haushalt führte; sie hatte seinen zu führen. Sie war seine Putzfrau gewesen, seine Köchin, seine Gärtnerin, seine Gattin, sein Frauchen, „sein Stützpunkt“, wie er es nannte.“ 

4. Die Schwelle 

Im Aufbruch übertrittst du eine Schwelle. Dies kann ganz konkret sein, indem du zum Beispiel dein Haus verlässt und für eine bestimmte Zeit bei einer Freundin wohnst, weil du es zu Hause nicht mehr aushältst. Auf innerseelischer Ebene ist es aber auch in dir selbst die Schwelle hinüber in “unbekanntes Terrain”. Du handelst anders als bisher, du verlässt die „Komfortzone“, den Bereich des Gewohnten.

„Es war die erste Entscheidung, die sie alleine traf.“

„Nie zuvor hatte sie sich so leicht gefühlt. So frei. So glücklich. ‚Meine Sache‘ flüsterte sie, Meine Sache‘“ 

Marianne hatte beschlossen zu sterben. Sie lässt ihr bisheriges Leben hinter sich, in dem sie ihrem Mann gefolgt war, in allem, was er sagte und für richtig hielt. Nie zuvor ist ihr so klar gewesen, dass sie das nicht mehr wollte.   

Sie tritt heraus aus der bisherigen „Opferrolle“, sie wird sich bewusst, dass sie die Schöpferin ihres Lebens ist. Dies ist eine erste „Perle“, ein Teil des Schatzes, den sie für sich im Laufe der Heldinnenreise heben und der ihr für den Rest ihres Lebens zur Verfügung stehen wird. Gleichzeitig hat sie in diesem Augenblick, in dem sie aufstand und beschloss, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, die Schwelle von der gewohnten in die ungewohnte Welt überschritten. Hier beginnt etwas, was im Laufe des Romans noch vermehrt auftreten wird: ihre Selbsterkenntnis, eine neue Sichtweise auf ihr Leben, auf sich selbst.

5. Weg der Prüfungen und Wunder

Es beginnt der Weg. Ein Weg, dessen Ende du nicht absehen kannst, ein Weg, auf den nach der ersten Euphorie des Anfangs auch Ernüchterung folgt, es immer wieder mühsam wird und du dich in manchen Momenten zurücksehnst nach der Zeit, als noch alles beim „Alten“ war. Manch eine scheitert an ersten Rückschlägen und kehrt daraufhin zurück. Auch hier ist es wichtig für mich dir zu sagen, dass du deshalb kein „schlechter“ oder „schwacher“ Mensch bist. Ein Scheitern beinhaltet auch immer ein „gescheiter“ sein. Du weißt jetzt, dass es für dich nicht der richtige Weg war oder der richtige Moment. Jedoch…du hast diesen ersten Schritt gewagt und das allein ehrt dich schon!

Auch Marianne „scheitert“ zunächst. Ein Mann zieht sie rechtzeitig aus der Seine und sie wird in ein Krankenhaus gebracht. Hier tritt etwas in Erscheinung, was die einen „Wunder“ nennen, die anderen „Zeichen am Wegrand“. Das können Menschen sein, die unvermittelt in dein Leben treten, Gegenstände, die dir „zufallen“ oder auch Situationen, in die du kommst und die dich auf deinem Weg, deiner Reise zu dir selbst, begleiten und unterstützen. Möglich, dass du jetzt mit dem Kopf schüttelst, dich zurücklehnst und solche Wunder nur als Teil von Märchen, Romanen oder Filmen siehst. Gerade weil ich mich selbst in meinem Leben immer wieder auf den Weg gemacht und diese Wunder tatsächlich erlebt habe, kann ich dir sagen: Ja, es ist genauso!

Die Heldinnenreise unterscheidet sich von anderen Reisen darin, dass sie in Verbindung steht mit deinem Unbewussten. Dem Teil in dir, der jenseits des Alltäglichen, Sichtbaren im Dunkeln deines Seins liegt. Dort herrschen andere Gesetze, nicht die der Logik oder des Verstandes, sondern der Intuition und der Verbindung zur jenseitigen Welt. Hier folgst du einer inneren Führung. Dorthin gelangst du meist erst, wenn du im „richtigen“ Leben nicht mehr weiterkommst, jegliche Schritte, eine Lösung zu finden, gescheitert sind und du zuletzt alle Versuche loslässt, es selbst in der Hand zu haben, wie es weitergehen soll.

Ausklang erster Teil

Marianne gibt nicht auf. Auch, wenn sie zunächst gerettet wurde, flüchtet sie am nächsten Morgen aus dem Krankenhaus. Zuvor findet sie eine handbemalte Kachel, auf der Schiffe in einem Hafen abgebildet sind. Der Anblick berührt ihr Herz und aus einem inneren Impuls heraus kauft sie sich eine Fahrkarte für einen Zug, der sie in Richtung dieses Ortes bringt, um dort, im Meer, endgültig ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht den Zauber dieses Buches schmälern, indem ich dir die ersten Stationen ihrer Reise schildere. Eines jedoch kann ich dir aber versprechen: Nina George ist eine Meisterin im Erwecken innerer Bilder und die Orte in der Bretagne, in denen sich die weitere Handlung abspielt, sind wie geschaffen dafür, in dir den Wunsch zu entfachen, dort einmal zu sein, auch wenn es für dich „nur“ ein Urlaub sein sollte.

Die Hälfte der Stationen der Heldinnenreise sind nun geschafft. Im zweiten Teil dieser Serie nehme ich dich wieder mit auf die Reise. Ich freue mich, wenn du dabei bist.

Die Mondspielerin Nina George
“Die Mondspielerin” – Copyright: Knaur Verlag

“Die Mondspielerin”

Nina George, Verlag: Knaur TB 2011. ISBN: 978-3-426-50135-1. 352 S.

Nähere Infos zum Buch:

www.droemer-knaur.de/buch/361682/die-mondspielerin

Bildquelle: www.knusperfarben.de

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