Neue Wege gehen

Die Heldinnenreise in den Wechseljahren – die Chance, ganz zu sich selbst zu finden – Teil 2

In den Wechseljahren, in der Mitte unseres Lebens, bekommen wir die Chance, noch einmal ganz neu durchzustarten. Über die ersten Stationen habe ich in Teil 1 dieser Serie bereits erzählt. Anhand der Romanfigur Marianne aus dem Roman „Die Mondspielerin“ von Nina George, möchte ich dir die Heldinnenreise in den Wechseljahren anschaulich zeigen.

Wir sind gerade bei der Halbzeit angekommen: Nach dem Ruf (1) folgte die Weigerung (2), dann der Aufbruch (3), die Schwelle (4) und schließlich der Weg der Prüfungen und Wunder (5). 

6. Schwerere Prüfungen

Auf ihrer Reise zu sich selbst lernt Marianne auch einen Mann kennen, in den sie sich verliebt. Bis zu einem bestimmten Augenblick verschweigt sie, wer sie im „richtigen“ Leben ist und, dass sie dort verheiratet ist. Eines Tages macht sie eine unvorsichtige Bemerkung und zum ersten Mal fällt kurz ein „Licht“ auf ihr zurückgelassenes Leben und Zweifel holen sie ein:

„War er (Lothar) wirklich ein so schlechter Mensch gewesen? War es nicht doch meine Schuld? Habe ich wirklich versucht, etwas zu ändern? Habe ich ihn vielleicht nicht genug geliebt?…Und heißt es nicht immer: Liebe ist, jemanden so zu nehmen, wie er ist – habe ich das wirklich getan?“

Das Leben fordert dich in Zeiten des Übergangs und Wandels immer wieder heraus. Du wirst geprüft, ob du das, was du hier gerade tust, auch wirklich, wirklich willst. Es ist wie ein Brennen mitten im Feuer, mal ist die Flamme stärker, mal schwächer. Je größer die Tragweite der Veränderung, desto größer ist die Hitze. Was hier in dir brennt/verbrennt innerlich, sind die inneren Mauern, die du aufgebaut hast, hinter denen du dich „eingerichtet“ hast. 

Marianne ergreift zum ersten Mal die Flucht, als im Fernsehen ein Such-Aufruf gesendet wird. Es wird ihr „zu heiß“. Sie fährt per Anhalter bis zu einem der nächsten Orte, ohne zu wissen, was sie will. Dort folgt sie einem Schwarm Raben („Zeichen hatte Pascale sie genannt.“). Sie ruft ihren Mann an, legt aber ohne zu sprechen wieder auf.

Was hier deutlich wird, ist die innere Zerrissenheit unserer Heldin: 41 Jahre verschwinden nicht mit einem Wimpernschlag. Ob es, wie in diesem Beispiel, eine langjährige Ehe ist oder eine Arbeit, die du in Frage stellst, immer ist der Übergang, die Wandlung ein Prozess. Dies geschieht nicht von heute auf morgen und selten bist du von Anfang an klar und ohne Zweifel. Solche Phasen brauchen Zeit und es ist gut, wenn du dich in dieser Zeit in den Austausch begibst. Vielleicht sind es Gespräche mit nahen Freundinnen oder du suchst dir professionelle Hilfe, die dich dabei unterstützt, Klarheit für den nächsten Schritt zu bekommen.

Im Roman werden wir Zeuginnen einer „Beichte“, die Marianne in einer alten Kirche ablegt. Sie spricht sich all ihren Schmerz, all ihre Not, aber auch all ihre Wünsche und Sehnsüchte von der Seele und klärt für sich ihren nächsten Schritt:

„…Und ich will mit Yann schlafen! Wissen Sie, wie lang mein letzter Orgasmus her war, bevor ich gestern Nacht und heute Mittag endlich mal wieder einen hatte? Nein? Ich auch nicht! So lange! Ich will einen Mann, der sich dafür interessiert, wie ich mich fühle!… Und ich will gar nicht weg von Kerdruc. So.“

7. Die Feuerprobe und der Schatz

Schließlich kommt es auf dem Weg der Reise zum entscheidenden Höhepunkt. Alles, was die Heldin bis dahin getan hat, waren einzelne Schritte, die, jeder für sich, wichtig und notwendig waren. Bei der Feuerprobe geht es aber nicht, wie vielleicht vermutet, um eine äußere Herausforderung. Es geht darum, ehrlich zu dir selbst zu sein und nicht länger vor der Wahrheit davonzulaufen:

Ist es nicht deine Angst vor dem Scheitern als selbstständige Frau, die dich abhält davon, einen vermeintlich sicheren Job zu kündigen? Und bist du bereit, das Risiko trotzdem einzugehen? Ist es nicht deine Unfähigkeit, Grenzen zu setzen, die dich wieder und wieder in die Überforderung treibt? Und bist du bereit, ab jetzt Nein zu sagen und es auszuhalten, wenn sich andere von dir abwenden? Oder ist es Angst davor, zu zeigen wie gefühlvoll und verletzlich du im Kern bist? Sieht man dich im Außen daher immer als die Starke, die alles im Griff hat? Und bist du bereit, deine Sanftheit und Verwundbarkeit im Außen sichtbar zu machen?

Marianne muss sich eingestehen, dass ihre Vorstellung davon, wie ein Leben an der Seite eines Mannes auszusehen, wie sehr sie sich zurückzunehmen, sich zu bremsen hat, um ihrem Bild einer Frau zu entsprechen, ihrem eigentlichen Wesen weitestgehend zuwider läuft. Alles, woran sie geglaubt hatte, ihre “alte” Wahrheit, bricht in einem Moment zusammen und mit voller Wucht trifft sie die Erkenntnis:

„Das Leben war nicht zu kurz. Es war zu lang, um es über Gebühr mit Nicht-Liebe, Nicht-Lachen und Nicht-Entscheiden zu vertun. Und es begann, wenn man das erste Mal etwas riskiert hatte, gescheitert war und feststellte: Man hatte das Scheitern überlebt. Mit diesem Wissen riskierte man alles.“

In gewisser Weise stirbt hier das „alte Ich“ und es fühlt sich auch so an. Auch ich habe eine ähnliche Erfahrung gemacht: In meiner bisher größten Wandel-Phase wurde mir bewusst, dass in mir ein einsames, verängstigtes Mädchen lebte, dessen Bedürfnisse ich weder kannte noch spürte.  Um nicht allein sein zu müssen oder verlassen zu werden, war ich bereit, alles für die anderen zu tun und mich selbst dabei völlig zurückzustellen, in der Hoffnung, dadurch die Geborgenheit zu bekommen, die mir tief im Inneren fehlte. 

Und der Schatz?

Schauen wir, was unsere Protagonistin entdeckt hat:

„Marianne fand es nicht länger seltsam. Sie selbst hatte gerade etwas gefunden. Hier, am Ende der Welt. Im Spiegel des Meeres hatte sie etwas gesehen: sich selbst. Und wie sie einst gedacht war. Nie wieder. Nie wieder ohne all das.“

In gewisser Weise kehrst du “zurück” in die Zeit deiner Kindheit. Hier hast du dich in den meisten Fällen selbst “verlassen”. Du hast Anteile von dir in den Schatten gedrängt, den Deckel zugemacht und ab da ein angepasstes Leben geführt. Dein Schatz, den du jetzt aus dem Dunkel befreist, hat dort viele Jahre gewartet. Indem du diese fehlenden Anteile in dein jetziges Leben integrierst, wirst du heil und ganz.

8. Verweigerung der Rückkehr

Man könnte meinen, dass an dieser Stelle die Reise zu Ende ist. Wie in den Märchen: “…und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.“ Doch so einfach ist es nicht. Nach all der Zeit, in der ich mich mit Wandel und Wandlung beschäftige, bei mir selbst oder bei anderen, ist mir irgendwann klar geworden, dass es in dieser entscheidenden Phase darum geht, nun Verantwortung zu übernehmen und ganz konkret neue Wege zu gehen. Es genügt eben nicht, innerlich den Durchbruch zu erleben, im Alltag aber in einer „Zwischenwelt“ zu verbleiben. Die Gefahr einer Weltflucht ist groß. 

Mariannes Antwort auf Yanns Frage, ob sie es ihrem Mann sagen will, dass sie lebt und nicht zu ihm zurückkehren wird, zeigt ihren Widerstand: 

„Irgendwann, bestimmt.“

9. Verlassen der „unbewussten Welt“ und Rückkehr

Wenn du selbst zu lange zögerst, kommt dir das Leben zu Hilfe. So wie am Anfang der Ruf dich überhaupt erst aufgefordert hat, deine Reise zu beginnen, tauchen auch an dieser Stelle entweder äußere Zwänge oder innere Beweggründe auf, die dich nötigen, den nächsten Schritt zu tun. Im Roman tritt an dieser Stelle der Heldinnenreise Lothar, der Ehemann von Marianne, auf den Plan.

„Wo sie noch vor einer halben Stunde dachte, sich in jeder Sache ihres Lebens sicher zu sein…so war nun alles verpufft in grobe Asche, die ihr die Nase und die Ohren und den Mund verstopfte.“

In der direkten Auseinandersetzung mit deiner Realität triffst du häufig auf Unverständnis und Unglauben. Oder du selbst wirst erneut eingeholt von Zweifeln, Glaubenssätzen und Ängsten, die das zarte Pflänzchen in dir erschüttern und es droht Gefahr, in die alten Muster zurückzufallen. Nicht selten kommt es vor, dass die Heldin noch kurz vor dem endgültigen Durchbruch scheitert. Das eine ist, innerlich eine Erkenntnis zu haben, in aller Klarheit zu wissen, was für dich stimmt und was nicht. Das andere aber ist, diese neue Wahrheit auch auszudrücken, sich hinzustellen, von Angesicht zu Angesicht. Dein “altes Ich” findet in dieser fragilen ersten Zeit Mittel und Wege, dich daran zu hindern, dein wahres Selbst zu leben. 

So ist es auch im Fall von Marianne:

„Sie hatte sich nur eingebildet, etwas Besonderes zu sein; aber sie war nicht anders als die letzten sechzig Jahre davor. Lothar war ihr Leben. Und als er gekommen war, hatte er sie daran erinnert, wer sie wirklich war, woher sie kam und was immer in ihr sein würde, egal, wie sehr sie sich schminkte oder auf Bühnen herumkokettierte. Das hier – das war nur ein Schauspiel….Ich werde mit meinem Mann nach Deutschland zurückkehren.“

Der Kreis schließt sich

An dieser Stelle möchte ich dich einladen, dich für einen Augenblick zurückzulehnen. Atme ein und langsam aus und spüre die Spannung, die sich möglicherweise in dir aufgebaut hat. Sollte die Heldinnenreise so zu Ende gehen? Sollte das alles gewesen sein? Diese vielen Herausforderungen, der innere Sieg und dann das?

Ich werde dir nicht verraten, wie Mariannes Geschichte zu Ende geht, weil ich dir selbst die Gelegenheit geben möchte, einzutauchen in diesen Roman, der es wirklich wert ist, dass du ihn liest. 

Aber ich will dir gerne beschreiben, wie meine Reise zu Ende gegangen ist:

Trotz meiner großen Angst vor dem Allein-Sein habe ich mich zurückgezogen in eine gewisse Art von “Einsamkeit”. Ich habe mich mir selbst zugewendet und bin durch alte Schmerzen und Ängste gegangen. Gleichzeitig bekam ich mehr und mehr Zugang zu meinen verdrängten Bedürfnissen und begann, für diese Verantwortung zu übernehmen. Seither weiß ich, dass ich auch allein stehen kann, dass ich niemanden beständig an meiner Seite brauche, dass ich im Allein-Sein nicht mehr die größte Not, sondern immer wieder eine tiefe Freiheit und Unabhängigkeit finde, die mir die Wahl lässt, „Ja“ oder „Nein“ zu sagen, in dem Wissen, dass ich nicht abstürze.

Es fühlt sich so an, als ob ich nun auf zwei Beinen stehe, anstatt, wie bisher, nur auf einem. Es ist ein Gefühl von Vollständigkeit, von Ganzheit. Man könnte auch sagen, es ist eine Stabilität, die auch dir für dein weiteres Leben zur Verfügung stehen kann, wenn du dich auf deine persönliche Heldinnenreise einlässt.

Am Ende der Wechseljahre kann dein Leben noch einmal neu beginnen und ich wünsche dir von Herzen, dass du es in vollen Zügen genießt!

 

 

Die Mondspielerin Nina George
“Die Mondspielerin” – Copyright: Knaur Verlag

“Die Mondspielerin”

Nina George, Verlag: Knaur TB 2011. ISBN: 978-3-426-50135-1. 352 S.

Nähere Infos zum Buch:

www.droemer-knaur.de/buch/361682/die-mondspielerin

Bildquelle: Unsplash

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